Liebe Freunde des Taschenbuchladens, 

„Wenn man den Umfragen traut, hat sich die Hälfte der Menschheit, die schon länger aus Gewohnheit mit einem Smartphone lebt, für das neue Jahr gewünscht, weitaus weniger Zeit damit zu verbringen. Das ist ein klarer Hinweis darauf, was uns die Energie zum Lesen raubt, aber es war schon immer so, dass Krisen nicht unbedingt dazu einladen, sich mit schönen Dingen etwas Gutes zu tun. Glauben Sie mir, ich hätte gerne eine Idee, wir hätten gerne eine Idee, wie die Stimmung rasch wieder eine andere werden kann. Gewiss, der Frühling hilft etwas.“ Hier zitiere ich mal einen Lieblingsverleger – Philipp Keel vom Diogenes Verlag, der uns Buchhändlern schon sein Herbstprogramm überreicht mit diesen liebevollen Worten, die das aktuelle Befinden ziemlich gut zusammenfassen. Drum lassen Sie uns auch frohgemut auf die schönen Dinge des Lebens schauen, dieses wunderschön vielfarbige Grün draußen genießen und ich sags mal mit James Krüss „Träumt, dass alles besser werde, manchmal werden Träume wahr. Träumt, dass alles besser werde im neuen Jahr!“. Diesem wunderbaren Gedichtereimer und Geschichtenerzähler widmen wir uns ein bisschen im Mai, vorzugsweise mit einem Schaufenster, denn James Krüss wäre 100 geworden zum 31. Mai. Solche Jubiläen mag ich ja, denn die mediale Aufmerksamkeit schafft ein so freudiges Interesse am vermeintlich Vergessenen. Warum hat James Krüss Kinderbücher geschrieben? »Aus Spaß!«, hat er einmal gesagt. Er wollte Kindern die Welt erklären, sie begleiten und ihnen Hoffnung geben. In seinen Werken hat er ihnen keine heile Welt vorgespiegelt und nichts verharmlost. Vielmehr wollte er das Böse durch die Veranschaulichung erträglich machen und den guten Willen aller Kinder mobilisieren, sich für eine bessere Welt einzusetzen. Das ist so auch schön erzählt in den Geschichten um seinen Urgroßvater, der James (genannt Boy in den Büchern) so viel Schönes vermittelte. Nur eben behutsam, über einen Umweg sozusagen, durch phantastische Geschichten, Gedichte und Fabeln. Ja, ich mag seine Gedichte, die „Weihnachtsmaus“ kennen bestimmt einige oder „Wenn die Möpse Schnäpse trinken“. Und wenn es endlich mal einen Lyriksalon für Kinder gibt, dann haben seine Gedichte dort einen festen Platz. Ganz sicher aber ist Timm Thalers Geschichte vom Verkauften Lachen nicht ganz unbekannt. Vom Oetinger Verlag ausgegaben wurde ein Text „Die Haiteks oder was kostet die Welt“. „In dieser mit spitzer Feder verfassten Kritik am Fortschrittswahn hält Krüss der Gesellschaft den Spiegel vor. In sieben Kapiteln, die aus Gedichten und Prosatexten bestehen, erzählt James Krüss von den Haiteks (das ruft in mir so ein Wortspiel wach zu Hightech, stimmt aber ja nicht so), Turmbau-zu-Babel-artigen Riesenstädten, die mit jedem Kapitel der Menschheit fortschrittlicher werden. Eine prophetische, mit scharfer Beobachtungsgabe verfasste Abhandlung über die Entwicklung der Menschheit in den verschiedenen Zeitaltern – bis hin zu ihrem unvermeidlichen Untergang.“ Zitat Oetinger Verlag
Seiner Heimatinsel Helgoland ist er entflohen, aber los ließ sie ihn nie… Schöne Geschichte hat er da aufgeschrieben. Ich hatte das sehr große Glück, vor vielen vielen Jahren bei meinem Besuch auf Helgoland, seine Schwester kennenlernen zu dürfen, es gab zwar keinen Hummer zum Essen (das warum ist eine ganz andere Geschichte), aber wunderschöne Familien- und Geschichten überhaupt um James Krüss.

Liaw Greuten und Gud Dai würde der Helgoländer sagen

und wir auch aus dem Taschenbuchladen von Heike, Martina, Jens und Josy

Neues Liebelingsbuch von Heike: Paula Peretti und Dorthe Voss „James Krüss – Ein Leben zwischen Inselwind und Wörtermeer“

Sie merken – Ich bin ganz im Thema drin 🙂 Das ist wirklich ein so süß geschriebenes Buch für Kinder (naja und auch irgendwie für Erwachsene, denn ich hab es ja auch gelesen) über James Krüss! Woher nahm er die Ideen für seine Geschichten? Was haben zwei kleine Inseln damit zu tun? Wie kam er zu einem Haus mit 21 Terrassen? Und wie schaffte er es mit seinen Gedichten ins Fernsehen? James Krüss’ Leben lässt sich genauso spannend erzählen wie seine Geschichten. Es beginnt zunächst beschaulich auf der Insel Helgoland. Hier, fernab vom Festland und mitten in der stürmischen Nordsee, entdeckt er seine Liebe fürs Schreiben und Erzählen. Geprägt auch vom Urgroßvater. Er mag Abenteuer, ist viel auf Reisen und macht schließlich wahr, was er sich schon als kleiner Junge vornimmt: Er schreibt Kinderbücher voller Witz, Fantasie und Mut, die bis heute begeistern und einfach Spaß machen. Das ist wirklich sehr liebenswert aufgeschrieben und von vielen Bildern und spannenden zeitgeschichtlichen Fakten begleitet.

Neues Lieblingsbuch von Martina: Francesco Vidotto „Meine Berge bist du“

Der Ich-Erzähler und Schriftsteller Francesco lernt in seinem Heimatdorf Guido Contin kennen, einen alleinstehenden alten Mann, dessen Art und einfache, aber lebenserfahrene Weisheiten ihn faszinieren. Dieser vertraut ihm eine Mappe mit handgeschriebenen Briefen, adressiert an die Berggipfel der Dolomiten, an. Verfasst hat sie Onesto und sie erzählen von Onestos Kindheit, von seinem Zwillingsbruder Santo und davon, wie unzertrennlich die beiden sind. Es ist ein hartes, einfaches Leben voller Entbehrungen in den Bergen vor dem Hintergrund und während des Zweiten Weltkriegs. Beide -Santo und Onesto-  verlieben sich in Celeste und Onesto verzichtet dem Bruder zuliebe auf seine große Liebe.
Es ist ein ruhiges bildreiches manchmal poetisches Buch über Liebe, Loyalität, unausgesprochene Gefühle und die große Liebe zu den Bergen.

Neues Lieblingsbuch von Josy: Caroline Piketty „Geraubte Harmonien“

Anfang April 1945 bietet sich in den Gewächshäusern des Pariser Jardin d’Acclimatation ein ungewöhnlicher Anblick. Fast zweitausend Klaviere stehen hier dicht an dicht: viele kleine, gewöhnliche, von Wasserflecken und Kratzern gezeichnete, aber auch einige glänzende Konzertflügel. Allesamt Klaviere, die während der Besatzungszeit aus den Wohnungen jüdischer Familien in Frankreich geraubt, nach Deutschland transportiert und an NS-Größen oder an die Wehrmacht ausgegeben wurden. Jetzt, kurz vor Kriegsende, haben die Alliierten sie in ein provisorisches Depot verbracht, von wo aus manche den Weg zu ihren Besitzer:innen zurückfinden werden – sofern diese Verfolgung und Vernichtungslager überlebt haben. 

Caroline Piketty verfolgt die Spuren der Instrumente bis zu den glücklichen Zeiten zurück, in denen sie gespielt wurden, erzählt von ihrer Plünderung und Rückgabe, von ihrer Bedeutung für die Opfer und Überlebenden: Berühmtheiten wie Léon Blum, Mireille Berl oder Aron Lustiger und andere, die hier erstmals eine Stimme erhalten. Für manche kehrt mit den Klavieren ein Funken Hoffnung zurück, andere erinnern sie auf schmerzliche Weise an unwiederbringliche Verluste. Ein sehr gut recherchiertes Buch über eine wenig bekannte Geschichte.

Neues Lieblingsbuch von Jens: Andrew O’Hagan „Maifliegen“

„Auf den Mann“ geschrieben, so wie ichs gern habe. Also sehr authetisch. Und außerdem genau meine Zeit und meine Szene.

Tully und James, der eine bereit für das Leben, der andere offen, sich von seinem Freund mitreißen zu lassen, wachsen in den Achtzigern in einer schottischen Kleinstadt auf. Einer Stadt ohne Perspektiven und Zukunft, mit vorgezeichneten Lebensläufen und Schicksalen. Die Musik ist ihnen Zuflucht und Ausweg, Manchester im Jahr 86 ihr Mekka. Ein Wochenende lang spielen dort ihre Heroen, Bands wie The Smiths, New Order oder Joy Division. Mit ihrer Clique ziehen die beiden durch die Clubs, getragen von den Riffs der Gitarren, der Magie des Fortseins von zu Hause und von einem Rausch, wie nur die Jugend ihn kennt. Dreißig Jahre später erhält James einen Anruf. Es ist Tully. Er hat Neuigkeiten. Er wird sterben. Und er hat eine letzte Bitte. 

Maifliegen setzt der Euphorie der Jugend ein Denkmal, und ist zugleich eine bewegende Reflexion über Freundschaft und die Zerbrechlichkeit des Lebens.