Newsletter Dezember 2020

Ach wie schön ist doch so ein Blick von außen auf unser Lädchen und die vielen Schönheiten, die da so liegen…

Ich hoffe, Sie sind mir nicht gram, wenn unsere Verschenkeempfehlungen zum schönen Fest diesmal aus anderer Feder stammen. Wir freuen uns ja sehr über diesen wachen Blick auf unsere Bücherstapel, der in dieser schönen Wunschliste aufgeschrieben ist.

Unser Wunsch an Sie noch dazu: Haben Sie trotz aller Beschwernisse eine schöne, geruhsame, ein bisschen glitzernde, leuchtende, durchaus genußvolle und duftende Adventszeit und bleiben Sie bitte gesund! Heike Wenige, Martina Gehlhaus und Katrin Steinert

Die Wunschliste Alle Jahre wieder schieben sich bange Fragen langsam und unaufhörlich in den Mittelpunkt vorweihnachtlicher Grübeleien: Was kann ich schenken? Wem? Wie? Wieso? Weshalb? Warum? Wo bekomme ich das alles?
Machen Sie es sich ganz einfach: Kaufen Sie das, was Sie schon immer selbst gern kaufen wollten, und schenken Sie es jemanden, den sie so lieben, wie sich selbst. Dann kann gar nichts schief gehen. Und da das Einkaufen unlängst vom Bundeswirtschaftsminister zur patriotischen Pflicht erklärt wurde, bekommen Sie von mir ganz unpatriotisch die folgenden sechs Einkaufstipps, die Sie im Taschenbuchladen unter fachkundiger Beratung erwerben und verpacken lassen können. Betreten Sie den kleinen feinen Laden dergestalt gut vorbereitet, geht alles schneller und Sie sind eher wieder beim heimischen Glühwein. Und allen ist gedient…

1. Halten Sie vom Lesen weniger und vom Schauen desto mehr, ist dieser prächtige Fotoband einer aktuellen Berliner Ausstellung mit Fotos aus dem Alltag in der untergehenden DDR genau das Richtige für Sie. Mit menschenfreundlich-subversivem Blick schuf der 1954 in Radebeul geborene Autodidakt Harald Hauswald Fotografie-Ikonen mit Punks, Hippies und küssenden Pärchen, Betrunkenen in ihrer Stammkneipe und auf Volksfesten oder geduldig Wartenden an Haltestellen. „Harald Hauswalds Blick ist unverfälscht und einfühlsam. Seine Bilder sind voller Sympathie für das fotografierte Objekt und vor allem die Menschen vor seiner Kamera. Sie behalten stets ihre Würde und stehen im Gegensatz zu dem sie umgebenden Zerfall und Irrsinn,“ so der Göttinger Steidl-Verlag, der sonst etwa für die Bücher von Günter Grass verantwortlich zeichnet …

Harald Hauswald: Voll das Leben! Steidl Verlag 2020, 408 Seiten, 45 Euro


2. Ist das Lesen für Sie eher Lust und Sucht, sollten Sie hier zugreifen: Vor 50 Jahren erschien eines der erstaunlichsten Bücher, die die Welt je gesehen hat – „Zettels Traum“ von Arno Schmidt, 1300 Seiten im DIN-A3-Format, es wog 10 Kilo und verkaufte sich rund 25.000 Mal. Doch wie viele dieser Exemplare tatsächlich gelesen worden sind, weiß niemand. Die Essenz dieses skurrilen wie radikalen Lebenswerks hat Bernd Rauschenbach, Leiter des Arno-Schmidt-Hauses in Bargfeld bei Celle, zum Genießen zusammengestellt. Arno Schmidt (1914-1979) zählt zu den Käuzen, die der stromlinienförmige Literaturbetrieb überaus gern ignoriert. Dennoch zählt der ebenso eigensinnig wie witzige Erzähler zu den ganz Großen seiner Zunft und Sie haben nun die Gelegenheit, einzelne Szenen aus diesem Werk zu erleben: mehr als Appetithäppchen für neugierige Leser, die die ganz schwere Tour bislang gescheut haben …

Arno Schmidts Zettels Traum. Ein Lesebuch. Suhrkamp Verlag 2020, 232 Seiten, 25 Euro


3. Von einer schwierigen Heimkehr ins Elbsandsteingebirge ist bei Thilo Krause die Rede. Der in Dresden geborene Autor schickt seinen Protagonisten in die Landschaft seiner Kindheit zurück, in der ein Verhängnis lauert. Fremd ist er ausgezogen, fremd zieht er wieder ein, erinnert sich an Freundschaften und Unfälle, Zwischenfälle und Fluchten. Und kreist um eine brennende Frage: Wie viel Heimat braucht der Mensch? Kann er sie im Außen finden oder nur in sich? Überhaupt spielt die Natur in diesem Roman die Hauptrolle, Felsen, Plateaus und Abgründe. Und eine Frage, die unbeantwortet bleibt …

Thilo Krause: Elbwärts. Carl Hanser Verlag 2020, 206 Seiten, 22 Euro


4. Studierter Konzertgeiger, Schauspieler – erst am Theater, dann im Film. Armin Mueller-Stahl wird eine Woche vor Weihnachten 90 Jahre alt. Sein Komödiantentum ist legendär, die Aura bedeutungsvoller Unscheinbarkeit, die ihn stets herausgehoben hat, seit den „Manns“ dem breiten Publikum wohl vertraut. Er hat mit den Besten seines Fachs gedreht, ob Frank Beyer, Rainer Werner Fassbinder, Heinrich Breloer oder Jim Jarmusch.

Das Buch des Filmhistorikers Frank-Burkhard Habel zeichnet den Werdegang Armin Mueller-Stahls nach und zeigt, wer der Mann ist, der Hollywood wie seine Westentasche kennt und doch nichts so sehr liebt wie die heimische Ostsee …

Armin Mueller-Stahl: Im Herzen ein Gaukler. Ein Leben vor der Kamera. F. B. Habel, Verlag Neues Leben, 288 Seiten, 20 Euro

5. Eine Frau untersucht das Geheimnis einer Männerfreundschaft: 50 Jahre währte die spannungsreiche Beziehung zwischen Goethe und dem Weimarer Herzog Carl August. Das Verhältnis von Dichter und Dienstherr und die heiklen Themen, an denen sich Goethe und Carl August aufrieben, untersucht Sigrid Damm, nicht erst seit ihrem 1999 erschienenen doppelbiografischen Essay „Christiane und Goethe“ eine Instanz faktenbasierter literarischer Vergangenheitsbewältigung, minutiös. Ob die Eifersucht um Friedrich Schiller, den Carl August als Rivalen in Sachen Freundschaft einstufte, oder angesichts des Tyrannen Napoleon, der Goethe 1808 in Erfurt mit einem Orden dekorierte, klafften die Meinungen der beiden heftig auseinander. Doch einer brauchte den anderen, ohne es je offen zuzugeben …

Sigrid Damm: Goethe und Carl-August. Insel Verlag 2020, 320 Seiten, 24 Euro


6. Nahaufnahme: Ein Industriepark, in dem künstlicher Schnee vom Himmel fällt, wo der Vater tagein, tagaus Aluminiumbleche beizt. Wo die türkischstämmige Mutter, deren Freiheitsdrang in der Enge einer westdeutschen Arbeiterwohnung erstickt, bis sie in einem kurzen Aufbegehren die Koffer packt und die Tochter beim trinkenden Vater lässt. Hier ist die Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, als ihre Kindheitsfreunde heiraten.

Die 1988 in Frankfurt am Main geborene Autorin Deniz Ohde untersucht in ihrem preiswürdigen Debütroman „Streulicht“ sprachlich präzise die Frage, was Klasse heute bedeutet. Bestimmt die soziale Herkunft immer noch den Lebensweg? Das Stigma Arbeiterkind – rührt das an ein Tabu, dass zwar jeder sieht, wo jemand herkommt, worüber aber niemand spricht? Deniz Ohde zeigt, wie ihre Heldin schließlich über eine eigene Sprache der Ausbruch aus dem Milieu gelingt …

Deniz Ohde: Streulicht. Suhrkamp Verlag 2020, 285 Seiten, 22 Euro

Genussvolle Lektüren!

Und trotz alledem:

Ein frohes Weihnachtsfest und

ein gesundes und glückliches neues Jahr!

wünscht Matthias Wolf

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