Liebe Freunde des Taschenbuchladens,
obwohl die kurzen Sonnenstrahlen heute schon so als kleine Vorboten gewertet werden könnten, ach, ich bleib noch drinnen, mit Buch und Kater auf dem Sofa und hab noch gar kein schlechtes Gewissen! So zwischendrin ist auch ein Verlagskatalog die Lektüre und ja, das kündige ich jedes Jahr um diese Zeit an – freuen Sie sich mit uns auf den Bücherfrühling. Auch dieser bringt wieder ganz schöne Bücher von gestandenen Autoren und auch Neuentdeckungen, von denen wir Ihnen so nach und nach die Lieblingsbücher vorstellen werden. Unsere ganz aktuellen Empfehlungen stehen schon in unserem Tabubücherregal. Aber bitte kommen Sie lieber in den Laden schauen, das wäre einfacher, als Sie jetzt mit Autorennamen zuzuplaudern. (Wäre mir auch rechter, das Vorbeischauen, denn irgendwie fühlt sich die Freiberger Innenstadt gerade bissel einsam an.) Zur letzten „Kultur zum Mittag“ habe ich sehr versäumt zu erwähnen, dass wir diese/unsere Veranstaltungsreihe genau im Februar 2016 – vor 10 Jahre – gestartet haben und ich bin bissel stolz darauf, dass es eine so schöne und feste Größe im Freiberger Veranstaltungsleben geworden ist und seine treuen Freunde hat. Am treuesten ist uns auch Olaf Stellmäcke, Dank an ihn dafür und für seine immer wieder schönen literarischen Entdeckungen oder Neuentdeckungen und natürlich sein Musik. Und Danke Ihnen sehr für ihre zuhörende Neugier.
Aber nun nur nochmal so für die kommende Zeit… Ab Anfang März dürfen Sie dann doch bitte mal bissel nach draußen treten! Denn neben unseren vielen Veranstaltungen im Frühlingsmonat (siehe weiter unten im Text, und auf die freuen wir uns außerordentlich!) gibt es auch noch die LadiesShoppingNight am 6. März ab 17 Uhr und das ist ein ziemlich schönes Einkaufsvergnügen in der Freiberger Innenstadt. Unsere Dritte nun schon. Ab 17 Uhr freuen sich knapp 40 Freiberger Innenstadthändler auf ein vergnügtes, vorwiegend weibliches Publikum, welches von den vielen superschönen und vielfältigen Angeboten und Programmen unserer LadiesNightGemeinschaft regen Gebrauch machen sollen. Dazu gibt es wieder die Shopping-Bags (ganz eigennützige Info für die Männer zu den Frauen), schönst gefüllt mit allerlei Gutscheinen für diverse Geschäfte und dem passendem Getränk zum Abend – bei uns, in der Tourist-Info, in der Salzgrotte am Dom und in der Glück-Auf-Apotheke für 10 Euro. Schönes Geschenk zum Frauentag finden wir. Zusätzlich zu unseren schönen Büchern und Krimskrams und der netten Beratung, bäckt Lutz Geißler uns ein Brot zum Probieren und einen schicken Brotaufstrich mache ich auch dazu. Und ja, na klar, ein Glas Sekt steht auch für Sie bereit.
Herzlichste VorvorFrühlingsgrüße von Heike, Martina, Josy und JensEmpfehlung von Martina Katrin Zipse „Moosland“
Empfehlung von Martina Katrin Zipse „Moosland“
Die Stille, das Licht und der Wind.
Über die Kraft von Sprache, Natur und Gemeinschaft
Als Elsa im Sommer 1949 in Island ankommt, ist sie eine von vielen. Knapp dreihundert junge Frauen aus Deutschland sind dem Aufruf der isländischen Bauernpartei gefolgt, um dort ein Jahr auf Höfen zu arbeiten. Die Bauern hoffen auf Arbeitskräfte sowie Heiratskandidatinnen, nachdem viele Isländerinnen in die Städte abgewandert sind. Sprachkenntnisse können die Frauen nicht vorweisen, aber oft haben sie nichts zu verlieren. Auch Elsa schweigt. Sie ist nicht hier, um zu bleiben, sie trauert um ihre Freundin Sola, und mit den Bauersleuten kann sie sich zunächst ohnehin nicht verständigen. Dennoch entsteht zwischen Grassodenhaus, leuchtenden Wiesen und endlosem Meer ein Zusammenleben, das sich Elsa irgendwann nicht mehr vom Leibe halten kann. Allein ihre Anwesenheit verändert die Dynamik auf dem Hof – besonders die der Bauernsöhne. Es gibt Erwartungen, ausgesprochene und unausgesprochene. Und dann ist da auch noch die verschwundene Tochter der Familie, über die niemand spricht und die für Elsa immer wichtiger wird …
Katrin Zipse erzählt einfühlsam und lebendig anhand eines fast vergessenen Stücks Geschichte, was es heißt, zu einer neuen Sprache zu finden.
Empfehlung von Josy „Jessica Lind „Kleine Monster“
Ein Vorfall in der Schule, ein Jahrzehnte zurückliegender Unfall und die Frage, ob Kinder wirklich unschuldig sind. Der Roman „Kleine Monster“ ist eine raffiniert gebaute Untersuchung der Institution Familie. Man darf sich Pia, Jakob und ihren kleinen Sohn Luca eigentlich als eine glückliche Familie vorstellen. Bis zu jenem Tag, an dem Lucas Grundschullehrerin die Eltern zu einer Unterredung in die Schule bittet. Etwas ist passiert. Ein Zwischenfall mit einer Mitschülerin, als Luca mit ihr allein im Klassenzimmer war. Mädchen, so sagt die Lehrerin, denken sich so etwas nicht aus. Der Vorfall, dessen Details Jessica Lind ganz bewusst im Vagen lässt, hat Folgen. Zunächst einmal werden Jakob und Pia stillschweigend aus der Eltern-WhatsApp-Gruppe der Klasse entfernt. Dort, so wissen sie, wird nun über ihren Sohn geredet, ohne dass sie ihn verteidigen können. „Kleine Monster“ ist ein raffiniert gebauter, doppelbödiger Roman, sagt Josy, und wirft auch die Frage auf, inwieweit Generationen untereinander fair und gerecht übereinander urteilen.
Empfehlung von Jens Tomas Gardi „Liefern“
Sie sind überall, wir sehen sie jeden Tag. Egal ob in Delhi, Tel Aviv, Buenos Aires, Istanbul, Berlin oder Freiberg. Überall schwirren sie durch die Städte: Essenslieferanten. Mit seinem Protagonisten Filmon, der aus Eritrea nach Tel Aviv geflüchtet ist und dort als Lieferant arbeitet, verbindet Tomer Gardi diese Lieferantengeschichte zu einem weltumspannenden Gegenwarts-Geschichte. Das Buch erzählt von Arbeit und Ausbeutung, von Liebe und natürlich Familie und obendrei eine Feier der Erzählkunst: tiefgründig und humorvoll, mit politischer Sensibilität und literarischer Dynamik.
»Prallvoll mit Überlebenslust, Herzwärme und Witz.« sagt Pieke Biermann (Journalistin) und der Jens, der sagt das auch.
Empfehlung von Heike Svenja Leiber „Nelka“
Lemberg, 1941. Die sechzehnjährige Nelka wird von Soldaten aufgegriffen und mit zahlreichen Mädchen und Frauen nach Westen verschleppt. Auf einem norddeutschen Gutshof werden sie zu schwerer Arbeit gezwungen. Ihr Vater hatte Nelka früh im Obstbau unterrichtet, und schon als Kind hatte sie ihm beim Veredeln der Apfelbäume geholfen. Dank dieses Wissens kann sie sich anfänglich der Zudringlichkeit des Gutsverwalters erwehren. Sie plant den Apfelanbau für ihn, und die Plantagen bescheren ihm nach dem Krieg ein Vermögen. Jahrzehnte später kehrt Nelka an den Ort ihres Leidens zurück. Das ist der Plot. Aber die Autorin erzählt ja viel viel mehr – Die Spuren, die die Zwangsarbeit hinterlassen hat, hauptsächlich in den Frauen, deren Körper und deren Wissen ausgebeutet wurden und deren Überleben oftmals nur Freundschaften, Verbundenheiten und das gemeinsame Schicksal versicherten… Svenja Leiber und ihre Nelka bewahren die Erinnerung an sie. Berührt mich sehr (ich bin noch nicht ganz fertig), denn sprachlich ists wieder so schön, dass man niemals aufhören möchte, weiter zu lesen. Geht ja aber leider nicht im Tagtäglichen.