„Jeder im Dorf wusste: Wer auf den Bahnhof zog, hatte etwas auf dem Kerbholz. Es hatte immer Gerüchte gegeben. Dass Mama und Papa Spione seien, waren das Beliebteste, auch unter meinen Geschwistern.“
Lenis Erzählung beginnt in der Mitte der Neunziger Jahre, springt zurück in ihre Kindheit, in die Siebziger und Achtziger Jahre der DDR und vorallem in ihre Leerstelle. Sie ist große Schwester von 5 Geschwistern, Tochter eines eines liebevollen Vaters und einer abwesend scheinenden Mutter. Von Anfang an ist relativ klar, dass ein Kind verloren gegangen ist. Und das warum ist nicht das einzige Geheimnis der Eltern. Leni versucht sich zu erinnern, schmerzvoll oft, versucht Klarheiten zu finden, aufzuklären, sehr beharrlich und die Leerstelle zu füllen, die sie ihr ganzes Leben schon begleitet. Und das erzählt Anousch Müller sehr sehr schön, finde ich. Ganz bei Leni ist man, möchte sie umarmen für ihren Kummer, versteht den Vater und die Mutter auch. Sehnsüchte in solch berührende Worte und Sätze fassen, das ist feine Literatur. Wie Puzzleteile kommen ihre Sätze daher, die sich so schön zusammenfügen. Wie letzten Endes die Geschichte der Familie sich auch zu einem Bild zusammenfügt und zwei DDR Schicksale erzählt.