Was man von hier aus sehen kann

Was man von hier aus sehen kann

Autorin: Mariana Leky

 

Hier können Sie kaufen

Beschreibung

Heikes aktuelles Lieblingsbuch

Mariana Leky erzählt von einer wundersamen, unspießigen Dorfwelt
Anton Tschechow hat einmal gesagt, dass man kein Gewehr auf die Bühne bringen könne, ohne die Absicht, dann auch damit zu schießen. Dasselbe gilt auch in Filmen und Romanen. In einer Geschichte hat jedes Element eine erzählerische Funktion, und es sollen möglichst keine überflüssigen Requisiten den Blick aufs Wesentliche verstellen. Allerdings besteht die Herausforderung darin, „Tschechows Gewehr“ so gut zu verstecken und so unaufdringlich vorkommen zu lassen, dass nicht jeder Leser sofort an den fälligen Schuss denkt.
Genau darin besteht die Kunst von Mariana Leky, 1973 in Köln geboren. Allerdings benutzt sie Gegenstände, bei denen anfangs gar nicht klar ist, wozu sie überhaupt dienen. Bei ihr verwandeln sich eher Feld und Wald und Wiese in ein „Tschechow’sches Gewehr“, während der angesägte Hochsitz eben nicht zusammenbricht und der Holzfußboden, der zu dünn geraten ist und dessen einbruchgefährdete Stellen deshalb mit rotem Klebeband markiert wurden, die Jahrzehnte einigermaßen unbeschadet übersteht.
Lekys dritter Roman „Was man von hier aus sehen kann“ macht schon im Titel klar, dass vom eigenen Standpunkt aus nie alles sichtbar und in seiner Bedeutung offenbar werden kann. Wo die Schüsse sich lösen im Leben, bleibt immer eine Überraschung. So ist das auch in dem kleinen Dorf im Westerwald, in dem der Roman spielt – mal abgesehen davon, dass der Vater der Erzählerin Luise, der immer allen rät, „mehr Welt hereinzulassen“, bald auf eine nicht mehr endende Weltreise geht. Auch die Mutter, eine Blumenhändlerin, ist eher abwesend, mit der Trennung vom Ehemann und mit ihrem Liebhaber beschäftigt, so dass die Großmutter Selma zur wichtigsten Figur für Luise und zum Mittelpunkt der Dorfwelt wird.
Luise ist anfangs zehn Jahre alt, doch sie erzählt von viel später aus, nahezu allwissend, und sie beginnt in der Wir-Form, als wäre es das Dorf selbst, das sich erinnert und zu sprechen beginnt. „Wir“ und „damals“ – das ist der Ton. In jedem der drei großen Kapitel, die 1983, 1995 und um 2005 herum spielen, geht es um den Tod und um die Liebe. Der Tod kündigt sich dadurch an, dass Selma von einem Okapi träumt. Denn so ist es mehrmals geschehen, sodass im Dorf auch diejenigen, die nicht abergläubisch sind oder das nicht zugeben wollen, den Zusammenhang nicht leugnen können. Das Okapi, irgendwo zwischen Giraffe, Tapir und Zebra angesiedelt, ist ja selbst schon Einheit des Unzusammengehörenden.
Dass die Wirklichkeit ins Übersinnliche hineinragt, daran muss man sich in diesem Buch gewöhnen, wo nicht alles sichtbar, aber alles in seinen Bedeutungen festgelegt ist. Sicher ist: einer wird sterben. Wen es dann aber erfahrungsgemäß innerhalb der nächsten 24 Stunden erwischen wird, das weiß keiner. Also versuchen alle, in dieser Frist endlich das auszusprechen, was sie ihr Leben lang verborgen haben – so wie der Optiker, der Selma liebt, der es aber nie geschafft hat, ihr seine Liebe zu gestehen. Das ganze Dorf weiß es zwar längst, nur er selbst weiß nicht, dass alle es wissen.
Nicht nur dieses Motiv wirkt ein wenig so, als gehöre es in ein Kinderbuch oder in ein freundliches Märchen. Auch die Figuren sind so gestrickt, dass sie in ihren Eigenschaften überschaubar, vor allem aber doch von Herzen gut sind. Der Optiker, der Lebensmittelhändler, der Eisdielenbesitzer, der Buchhändler, die abergläubische Elsbeth oder die immerzu schlecht gelaunte Marlies – sie alle sind klar konturiert und auf wiederkehrende Redewendungen und Handlungsweisen reduziert. Selbst der gewalttätige Vater des kleinen Martin, ein Säufer und Jäger, erfährt nach einem schweren Unglück, das ihm widerfährt, eine wundersame Wandlung zum schweigsamen, bibelfesten Gläubigen.
Die Freude am Repetitiven und am Erwartbaren, das dann aber doch im letzten Moment in eine Überraschung umschlägt, hat ebenfalls eher kindliche Qualitäten. Die sinnspruchhaften Weisheiten, die nebenbei produziert werden und für die vor allem der Optiker zuständig ist, klingen ein wenig wie aus dem Poesiealbum. Das alles spricht aber keineswegs gegen diesen sorgfältig konstruierten Roman, denn – und das ist ja das Schöne an Kinderbuchlandschaften – es ist eine ganz und gar unspießige Gegenwelt, in der die Menschen einander helfend zur Seite stehen und sich in ihren Eigenarten und Skurrilitäten gelten lassen.
So wird auch die große, unmögliche Liebe, die Luise im zweiten Teil erlebt und erleidet, in großer Anteilnahme von allen Dörflern mitgetragen, als ginge es um ein gemeinsames Schicksal. Da begegnet sie im nahen Wald einem japanischen Mönch mit Namen Frederik, der in seiner Kutte zwar wie ein Franziskaner aussieht, aber in ein buddhistisches Kloster in Fernost gehört. So deutlich die beiden vom ersten Moment an wissen, dass sie füreinander gemacht sind, so undenkbar ist es, dass es eine gemeinsame Geschichte geben könnte.
Mehr als zehn Jahre müssen deshalb vergehen bis zum nächsten Wiedersehen, Jahre, die mit Briefen zwischen Japan und dem Westerwald gefüllt werden. Auch schreibend – oder vielleicht: vor allem schreibend – kann sich eine Liebe verwirklichen. Und wenn Frederik dann endlich wiederkommt, kennt er sich im Dorf so gut aus, als wäre er nie weg gewesen. Doch dafür ist ein weiterer Todesfall notwendig.
Die wichtigste Figur jedoch ist ein riesengroßer Hund, der den Namen Alaska trägt und der im Unterschied zu den Menschen anscheinend unsterblich ist. Er kam in die Familie auf Rat des Psychoanalytikers, der dem Vater empfahl, „seinen Schmerz auszulagern“. Dass der Analytiker mit seiner knarzenden Lederjacke die einzige wirklich unsympathische Figur im ganzen Buch ist, darf man vielleicht als kleinen, liebevoll-ironischen Hinweis darauf lesen, dass Mariana Lekys Eltern Analytiker sind. Der Hund aber vollzieht als Symbol des Schmerzes nicht nur das Wunder des ewigen Lebens, sondern ist nebenbei auch dafür verantwortlich, dass Luise und der Mönch Frederik sich überhaupt begegnen. Schmerz und Tod und Liebe sind in diesem Buch eng miteinander verflochten. Das ist gelegentlich ein bisschen kitschig, macht aber nichts, weil es halt die Herzen wärmt und weil es schön erzählt und gut gemacht ist. Mariana Leky hat ihr Handwerk an der Schreibschule in Hildesheim gelernt. Da lernt man auch die Sache mit dem Tschechow’schen Gewehr.